Martin Scorsese ist schon Fan | DCM

Ein paar Worte über und viele mehr von Regisseur Jonas Carpignano

Mit seinem Kinodebüt Mediterranea erlangte Jonas Carpignano 2015 weltweite Aufmerksamkeit.  Als unermüdlicher Chronist gesellschaftlicher Realitäten konnte er sogar Martin Scorsese überzeugen, welcher als Produzent maßgeblich die Umsetzung seines aktuellen Filmprojekts Pio ermöglichte.

Schon in seiner Kindheit besuchte Carpignano regelmäßig Italien, das Heimatland seines Vaters. 2011 fasste er dann den Entschluss langfristig in die kalabrische Kleinstadt Gioia Tauro zu ziehen. Der Hafenort ist ein Umschlagplatz für durchreisende Migranten und gleichzeitig Heimat vieler Roma-Familien. Dort spielt auch sein aktueller Film Pio, der seine Protagonisten halbdokumentarisch begleitet und dessen Leben am Rande der italienischen Gesellschaft in den Mittelpunkt rückt.

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Ein Interview mit Jonas Carpignano

In PIO lernen wir die Familie Amato kennen, die der Roma-Gemeinde angehört. Wie haben Sie die Amatos kennengelernt?

Ich lernte die Familie Amato im Jahre 2011 kennen, nachdem uns der Fiat Panda gestohlen worden war, in dem sich das Equipment meiner Crew befunden hatte. Wir drehten zu dieser Zeit gerade A CHJANA (der Kurzfilm, aus dem später MEDITERRANEA entstehen sollte). Wenn in Gioia Tauro ein Auto verschwindet, dann „geht man zu den Zigeunern“. So lernte ich Pio und seine Familie kennen.

Pio Amato hat sowohl in MEDITERRANEA als auch in Ihrem Kurzfilm allen die Schau gestohlen. Hatten Sie seit jeher vor, einen Film über ihn und seine Familie zu verwirklichen? Können Sie uns die Inspiration für diesen Film schildern und wie sie diese zu Papier gebracht haben? 

Während ich für MEDITERRANEA unterwegs war, traf ich Menschen mit den unterschiedlichsten Ansichten. Eines hatten sie aber alle gemein: sehr viel Liebe und Wertschätzung für Pio. Wie meine Freunde in New Orleans zu sagen pflegen: „He has it.“ Er hat „es“. Was immer „es“ auch sein mag, Pio hat massig davon, was mir in dem Augenblick klar wurde, in dem ich ihm begegnet bin. Abgesehen davon wollte ich bereits vor meiner Bekanntschaft mit Pio einen Spielfilm in der Ciambra drehen. Mit einer groben Idee für eine Story begegnete ich dann Pio und überarbeitete sie, um ihn und seine Familie darin zu berücksichtigen. Biografische Elemente der Amato-Familie hatten großen Einfluss auf die Geschichte und nachdem ich die Protagonisten kennengelernt hatte, versuchte ich ihre Erfahrungen beim Dreh möglichst authentisch umzusetzen, ohne dabei auf ein Mindestmaß an Dramaturgie verzichten zu müssen.

Zuerst wollte Pio jedoch nichts mit dem Film zu tun haben. Erst nach ungefähr einer Woche verstanden wir uns allmählich immer besser. Er hatte sein anfängliches Misstrauen Fremden gegenüber abgelegt und es wurde offensichtlich, dass wir beide eine besondere Beziehung zueinander hatten.

Sie haben es in beiden ihrer Filme geschafft, beachtliche schauspielerische Leistungen aus den Laiendarstellern herauszukitzeln. Wie ist Ihre Herangehensweise bei der Arbeit mit der Besetzung?  

Ich bin sehr rigoros, wenn es darum geht, wie viele Leute am Set erlaubt sind, wer beim Dreh zuschaut und dergleichen. Da wir stets an echten Orten drehen, oftmals in den dortigen Wohnhäusern, möchte ich nie das Gefühl haben, die authentische Dynamik der jeweiligen Umgebung zu verändern. Ich sagte der Crew immer wieder, dass wir unsere Herangehensweise an sie anpassen müssten, anstatt ihnen die traditionelle Infrastruktur eines Filmdrehs aufzudrücken.

 Außerdem verbrachte ich viel Zeit damit, die Hürden zwischen mir und der Besetzung zu überwinden. Uns verband eine tiefe Vertrautheit, weshalb sie auch dazu bereit waren, sich ins Zeug zu legen, wenn ich sie darum bat.

“Carpignano hat nicht nur ein gutes Gespür für die Psychologie seiner Charaktere, sondern auch für die Erwartungen des Publikums und unsere Tendenz, Realismus mit magischem Denken zu verwechseln.”

NY Times

Es gibt eine Sequenz, inspiriert von einer alten Geschichte von Pios Großvater, in dem der Enkel eine Vision von seinem Opa und dessen Pferd hat.  Eine Abkehr vom Realismus, für den Ihre Filme bekannt sind. Was hat Sie dazu inspiriert? 

Geschichte verfügt über ein gewisses Gewicht. Wir setzen uns gerne in einen bestimmten Kontext und glauben, dass wir Teil von etwas sind, das größer ist als wir selbst, dass wir Wurzeln haben und etwas fortführen, das vor uns gekommen ist. Das trifft, in unterschiedlichem Maße, auf uns alle zu, aber ist in der Ciambra von besonders hoher Relevanz. Wenn man jedoch genauer darüber nachdenkt, so ist unser Bezug zur Vergangenheit wesentlich abstrakter als man denken mag. Wir können die Vergangenheit nicht zurückholen und persönlich erleben. Die Vergangenheit wird ständig neu interpretiert, oft genug um zu rechtfertigen wer wir sind und wer wir gerne wären. 

Das kollektive Gedächtnis einer gemeinsamen Vergangenheit ist Teil dessen, was die Ciambra zu einer derart einzigartigen Gemeinde macht, und ich fand, dass dies wichtig war, um Pios Bezug zu seiner Vergangenheit zu zeigen, um sein Dilemma deutlicher zum Ausdruck zu bringen. Als ich mich daher mit dem Problem konfrontiert sah, dies filmisch umzusetzen, versuchte ich, das abstrakte Konzept einer imaginären Vergangenheit mit filmischem Realismus zu verbinden. Die magische Stimmung dieser Szenen unterscheiden sich deutlich vom Rest des Films.

Martin Scorsese war einer der Produzenten des Projekts. In wie weit hat er Ihr filmisches Schaffen persönlich beeinflusst? 

Wenn man Filme in Gioia Tauro dreht, dann fühlt sich alles, was außerhalb davon passiert, äußerst abstrakt an – verglichen mit dem, was sich dort abspielt. Ich wusste das komplette letzte Jahr über, dass Martin Scorsese ein Produzent dieses Films ist. Wirklich bewusst wurde mir das jedoch erst im Schnitt. Ich hatte das Glück, über mehrere Schnittfassungen hinweg auf seine Anmerkungen zurückgreifen zu können, die ohne jede Frage großen Einfluss auf den Film hatten. Besonders schätze ich seine Herangehensweise und seinen Respekt für das Medium. 

Vor welche Herausforderungen wurden Sie beim Dreh gestellt? 

Der Dreh in der Ciambra war die Herausforderung. Es ist unmöglich, die Ciambra angemessen zu beschreiben, aber in unserem Film kann man sich einen Eindruck verschaffen. Es ist ein wilder, unbändiger Ort, wo alles möglich ist, und auch öfters vorkommt. Zum Glück waren wir uns dessen im Vorhinein bewusst und ließen uns deshalb Zeit. Am Ende wurden es 91 Drehtage. Am schwierigsten war es wohl, Pio morgens zu wecken und die Szenen mit vielen Kindern zu drehen. Ich weiß, auf der Leinwand sehen sie alle sehr süß aus, aber wenn sie keine Lust haben zu arbeiten, oh Mann… 

Der Film endet damit, dass ein Junge zum Mann heranreift, aber nicht, ohne einen Preis dafür zu zahlen. Empfinden Sie das Ende als optimistisch? 

Privat neige ich dazu, ein sehr optimistischer Mensch zu sein. Ich versuche jedoch auch, meine Filme nicht als optimistisch oder pessimistisch einzustufen. Letzten Endes will ich den Zuschauern vermitteln, wie ich das Leben dort wahrnehme, wo ich lebe, und sie selber entscheiden lasse, was sie davon halten. Obwohl es keine „objektiven“ Filme sind, so verfolgen sie keine spezifische Agenda und sind nicht als Aufruf gedacht. Sie sind in erster Linie als Charakterstudien konzipiert. Es geht um Figuren in zwiespältigen und widersprüchlichen Situationen, die versuchen müssen, diese bestmöglich zu bewältigen. 

Obwohl dieser Film auch Themen wie Rassenkonflikte, Armut, Vorurteile, Verbrechen und dergleichen behandelt, so geht es im Grunde doch um Pio, um seine Person und um das, was aus ihm wird.

Regie & Buch: Jonas Carpignano
Cast: Pio Amato, Koudous Seihon, Damiano Amato u.a.

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