Allison Janney is one tough mother | DCM

Sechs Golden Globes hat Allison Janney im Laufe ihrer Karriere bereits gewonnen. Jetzt darf sie mit I, TONYA den ersten Oscar zu ihren Trophäen zählen. Warum Janney als die kälteste Mutter der Filmgeschichte so fasziniert – und weshalb sie vor den Dreharbeiten Angst hatte, ein Wellensittich könnte ihr die Show stehlen…

Eigentlich hätte Allison Janney nie Schauspielerin werden sollen.

Als Kind träumte die junge Allison, die 1959 in Boston geboren wurde und in Ohio aufwuchs, von einer Karriere im Eiskunstlauf. Sie wollte eines Tages bei den Olympischen Spielen antreten. Doch im Alter von 17 Jahren hatte Janney einen Unfall mit einer Glasscheibe, bei dem mehrere Sehnen durchtrennt wurden und das junge Mädchen viel Blut verlor. Die Folgen des Unfalls waren so schwerwiegend, dass sie ihren Traum begraben musste – und sich der Schauspielerei zuwandte.

Nachdem sie sich auf die Schauspielerei konzentrierte und ein Studium abschloss, hatte Janney ihre ersten Auftritte am College sowie in kleineren Filmen und Broadway-Theaterstücken. Ihren weltweiten Durchbruch erlangte sie 1999 mit gleich zwei Rollen: an der Seite von Kevin Spacey und Annette Bening im Oscar-prämierten „American Beauty“ sowie mit der Politserie „The West Wing“.

Als ihr langjähriger Freund und Drehbuchautor Steve Rogers mit seinem neuen Projekt I, TONYA auf Janney zukam, war die ehemalige Eiskunstläuferin sofort Feuer und Flamme. „Ich habe dem Eiskunstlauf den Rücken zugekehrt, aber nie aus meinem Herzen verbannt. Daher wusste ich natürlich, wer Tonya und Nancy waren. Diese Geschichte und ihren Verlauf werde ich niemals vergessen“, sagt Janney heute.

Ein Glück für Rogers: der schrieb das Drehbuch zu I, TONYA stets mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass Tonya Hardings Mutter LaVona von Allison Janney verkörpert werden sollte – und diese Casting-Entscheidung zu einer der Bedingungen beim Verkauf des Drehbuchs machte. Die Rolle, die Janney später ihre erste Oscar-Auszeichnung als beste Nebendarstellerin einbringen sollte, kam also aus ihrem engsten Freundeskreis.

Aus Dank nahm sie ihren besten Freund als Begleitung zur Oscar-Verleihung mit und widmete ihm in ihrer Dankesrede ganz besondere Worte: „Du bist ein großartiger Autor. Danke für das Geschenk namens LaVona. Ich hab das nicht kommen sehen. Du schon. Du gibst dem Wort Freund eine ganz neue Bedeutung.“

Viel mehr als nur ein Sportskandal

Nachdem sie Rogers’ Buch gelesen hatte, war Janney klar, dass hinter Tonya Hardings Geschichte viel mehr steckte als nur ein Sportskandal: „Zu Beginn denkt man, man sehe einen Film über diesen berühmt-berüchtigten Vorfall. Tatsächlich geht es aber um das Leben einer jungen Frau und in welchen Verhältnissen sie aufgewachsen ist.“

Der Film folgt Tonya Harding über einen Zeitraum von über zwanzig Jahren, vom Kindesalter und den ersten Schritten auf dem Eis bis hin zum Ende ihrer Karriere im Eiskunstlauf.

Janney portraitiert Tonyas Mutter mit einer unerschütterlichen Furchtlosigkeit. Und ihr dabei zuzusehen ist nicht einfach. Ihre Figur schlägt, beleidigt und degradiert ihre Tochter, verbietet ihr Freundschaften und zwingt das kleine Mädchen bis zur Erschöpfung zu trainieren.

Eine ganz ungewohnte Rolle für Janney, die man sonst für ihre warmherzigen Charaktere kennt. Etwa als liebevolle Stiefmutter in Jason Reitmans „Juno“, in „Masters of Sex“ oder als inspirierende Pressesprecherin C.J. Cregg in „The West Wing“ – eine Rolle, für die sie allein vier Emmys gewann.

Janney nahm sich viel Zeit, um sich auf diese große Verwandlung vorzubereiten. Anders als im Fall von Tonya Harding gab es nicht so viele Videoaufnahmen ihrer Mutter aus den 1980er und 1990er-Jahren, an denen sich Janney orientieren konnte. Einen Schlüsselmoment hatte sie aber, als sie in einer alten Dokumentation eines Yale-Studierenden sah, wie gezeichnet Tonya vom Umgang mit ihrer Mutter war. „Allein, dass ich sehen konnte, wie Tonya mit ihrer Mutter telefoniert hat. Man konnte nicht hören, was LaVona gesagt hat. Aber allein Tonyas Reaktionen auf ihre Mutter haben mir dabei geholfen, meine Rolle zu formen.”

Obwohl es einfach fällt, LaVona Harding als Monster zu sehen – in einer Szene tritt sie die junge Tonya von ihrem Stuhl am Küchentisch – erkannte die Schauspielerin unter der grausamen Fassade eine Art liebevolle Strenge. „Ich war mir nicht sicher, ob es möglich wäre, LaVona nicht als Monster darzustellen. Aber ich wusste, dass sie etwas in ihrer Tochter sah, das für sie beide den Ausweg aus der Armut bedeuten konnte“, erläutert Janney.

Für die äußerliche Verwandlung in LaVona verließ sie sich vollständig auf das Talent der Maske und Garderobe. Das Team schuf eine unvergessliche modische Präsenz im Film, mitsamt Perücke, Pelzmantel und Sittich.

Überhaupt – dieser Wellensittich. Wie im Abspann des Films gezeigt wird, trat die echte LaVona Harding tatsächlich mit einem Vogel auf ihrer Schulter bei Interviews auf. Im Film stellt Janney diese Interviews nach und musste dafür natürlich mit einem echten Wellensittich zusammenarbeiten, der den Namen ‚Little Man‘ trug.

„Ich hatte keine Zeit, mich mit dem Vogel anzufreunden, aber ich habe mich sofort in ihn verliebt. Sein Trainer hat ihn mir auf den Finger gesetzt und plötzlich war er auf meinem Pelzmantel und versuchte, aus meinem Glas zu trinken. Er knabberte an meinem Ohr während ich versuchte, mich auf meinen Text zu konzentrieren. Es war zauberhaft,“ erzählt die frisch gebackene Oscar-Preisträgerin.

Dabei war Janney vor dem Dreh zunächst nervös. Sie hatte Angst, dass Little Man ihr in einer zentralen Szene die Schau stehlen könnte: „Tiere spielen einen immer an die Wand,“ so Janney.

Diese Angst dürfte spätestens mit ihrem ersten Oscar endgültig verflogen sein. Nachdem Janney zahlreiche Kritiker- und Gildenpreise in den letzten Wochen gewann – einschließlich ihres sechsten Golden Globe Award – darf sie nun den wichtigsten  Filmpreis der Welt ihr eigen nennen.

Bei dem Wellensittich hat sie sich während der Oscar-Verleihung übrigens dennoch bedankt.

„I, Tonya“ ist ab 22. März im Kino zu sehen.